Es sind drei Buchstaben, die sich viele kaum auszusprechen wagen: LSD. Die psychoaktive Substanz ist seit Ende der 70er-Jahre verboten, doch ihr Einfluss auf die Psychotherapie hält an. Solothurn ist dabei aktuell das weltweite Zentrum, wo am intensivsten über Bewusstseinserweiterung geforscht und diskutiert wird.

In wenigen Wochen erscheint die neue, einzige offizielle Studie über die Wirkung von LSD bei unter Angstdepressionen leidenden Menschen, die schwer an Krebs erkrankt sind. Studienleiter ist der Solothurner Psychiater Peter Gasser. Die Resultate sind ihm zufolge vielversprechend.

In der Gemeinde Lüsslingen-Nennigkofen bei Solothurn fand Anfang Juni der Gründungskongress der Internationalen Ärztegesellschaft für Alternative Psychiatrie und Echte Psychotherapie (Avanti) statt, wo Therapeuten und Patienten von ihren Erfahrungen mit der Psycholyse berichteten.

Dabei ging es nicht um die überwältigenden Sinneseindrücke oder Horrortrips, die mit psychoaktiven Substanzen allgemein verbunden werden. Sondern um die Therapie individueller Traumata wie Missbrauch oder Kriegserfahrungen, die auch mit LSD kein Spaziergang ist.

Überdenken der Therapie

Dabei wurde auch klar, dass bewusstseinserweiternde Substanzen generell neues Bewusstsein schaffen und aus einem «mechanischen Leben» heraus führen, wie es eine Patientin nannte.

Was das bedeuten kann, zeigten die auf dem Kongress vertretenen Ärzte: Sie forderten nicht weniger als ein grundlegendes Überdenken der Psychotherapie und eine neue anti-mechanische Haltung der Therapeuten: Denn jeder Patient habe seine eigene Geschichte zu erzählen, die der Schlüssel seiner Heilung ist, sagte die Psychotherapeutin und Avanti-Präsidentin Kasia Weidenbach. «Deswegen müssen wir an der Geschichte der Menschen und nicht nur an Diagnose und Standardtherapie interessiert sein.»

Am Kongress nahm auch die Ärztin Friederike Meckel teil. Sie war 2010 zu einer bedingten Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil sie in ihrer Praxis in Zürich unter Zuhilfenahme von LSD und Ecstasy (MDMA) mit Klienten gearbeitet hatte.

Für die von ihr begleitete psycholytische Therapie selbst war sie aufgrund des kontrollierten Settings, das die Gesundheit der Klienten nicht gefährdete, freigesprochen worden.

Zu dem damals Aufsehen erregenden Prozess kam es, weil die Angehörige eines Klienten die Therapeutin angezeigt hatte. Die inzwischen 66-jährige Meckel gab noch während des Gerichtsverfahrens ihre Bewilligung als Psychotherapeutin ab.

«Der verantwortungsvolle, gezielte Umgang mit bewusstseinserweiternden Substanzen gehört dringend wieder in die Therapie», fordert Meckel nun. «Dank der Gnade des Verrats kann ich heute hier stehen und öffentlich darüber sprechen», bekannte sie auf dem Kongress.

«Ich fordere sie nicht auf, gegen das Gesetz zu verstossen, sondern den Beginn einer neuen Diskussion anzustossen, ob die Bewusstseinserweiterung nicht ein Recht des Menschen ist. Was an der Bewusstseinserweiterung ist nun wirklich verboten?», fragte Meckel.

Streitpunkt sexuelle Anziehung

Die Antwort kommt vom Schweizer Ärzteverband (FMH): Die Grundsätze des Vereins Avanti entsprechen dem FMH zufolge nicht den Standesregeln, die für Mitglieder gelten, weswegen auch die Ankündigung des Kongresses in der «Schweizerischen Ärztezeitung» abgelehnt worden war.

Denn Avanti wie auch ihr Gründungsmitglied, der Lüsslinger Psychiater und Psychotherapeut Samuel Widmer, wollen weg von der Standardtherapie. Und das heisst auch, eine mögliche sexuelle Anziehung zwischen Therapeut/Therapeutin und Patientin/Patient nicht zu verleugnen, jedoch nicht auszunutzen.

«Die Avanti-Gruppe hält eine sexuelle Beziehung zwischen Therapeut und Patientin nicht immer für Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses – die FMH schon.

Es gibt in unseren Augen aber nie einen guten, sprich therapeutischen Grund, von diesem Grundsatz abzuweichen», sagte Christine Romann, Mitglied des FMH-Zentralvorstands, auf Anfrage.

Dabei sei auch für Avanti klar, dass Missbrauch etwas Verletzendes ist, wie Präsidentin Weidenbach betont. Deshalb brauche es gerade die aufmerksame Wahrnehmung, um Übergriffe zu vermeiden.