Die Eltern vertragen sich nicht mehr und trennen sich, doch die Familie wohnt weiterhin unter dem gleichen Dach. Die Gesellschaft verlangt das eigentlich nicht mehr; kein Paar wird mehr schräg angeschaut, wenn es unter die ständigen Auseinandersetzungen einen Schlussstrich zieht und auseinandergeht. Trotzdem kommt das Modell immer noch häufig vor.

Ständerätin Pascale Bruderer und Marketingfachmann Urs Wyss bleiben im selben Haus wohnen, wie sie vergangene Woche bekannt gegeben haben. Sie stehen also öffentlich dazu. Und so tönt eine an sich schlechte Nachricht beinahe wie eine gute: Die Eltern wählen das Modell für ihre beiden kleinen Töchter, 2 und 5 Jahre alt. Diese bleiben bei den Eltern unter einem Dach.

Ist das also die perfekte Lösung? Ein Fachmann winkt ab: «Es gibt keine perfekte Lösung», sagt Renato Meier, Geschäftsführer der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel (Fabe). Doch er gesteht ein: «Für die Kinder kann das gut sein», sagt er.

Bilanz nach vier Jahren

Und funktionieren kann es tatsächlich. Zumindest für eine gewisse Zeit. Cornelius Keller lebt in diesem Modell. Richtig heisst der Aargauer anders, doch er will anonym bleiben. Die Betreuung der Kinder haben er und seine ehemalige Partnerin aufgeteilt, miteinander reden tun die beiden nur noch das Nötigste – so wie andere getrennte Paare auch. Das Waschen ist auch geregelt: Die Mutter wäscht Kinderkleider, der Vater Bettzeug und Frottiertücher.

Aber die beiden begegnen sich oft, sie benutzen immer noch denselben Hauseingang, dieselbe Küche, dasselbe Wohnzimmer, dasselbe Bürozimmer. Und ein dritter Erwachsener wohnt fast seit Beginn der Trennung auch im Haus: der neue Partner seiner Ex-Frau. «Für die Kinder ist ja einfach das normal, was sie erleben. Aber es ist wichtig, dass es keine Gerüchte gibt», sagt Cornelius Keller. Wie Bruderer und Wyss haben auch Keller und seine Ex-Partnerin von Anfang an beschlossen, nicht nur gegenüber den Kindern, sondern auch gegen aussen reinen Tisch zu machen.

Als Familie getrennt und doch in einer Kiste – das geht oft so lange gut, bis ein Elternteil einen neuen Partner hat.

Als Familie getrennt und doch in einer Kiste – das geht oft so lange gut, bis ein Elternteil einen neuen Partner hat.

Dem Paar gelang bisher das Führen des gemeinsamen Haushaltes einigermassen gut und auch das Wichtigste ganz am Anfang: Es regelte die Beziehung, bevor es zu üblen Streitszenen kam. Cornelius Keller sagt: «Wenn wir ein gemeinsames Ziel hatten, funktionierte es schon immer gut.» Schwierig war der Alltag. Und er ist es immer noch. Zwar gehen die beiden nicht mehr gemeinsam in den Ausgang oder in die Ferien und haben «die Gemeinsamkeiten systematisch zurückgefahren», so der Vater. Aber einige Konflikte bleiben. Zum Beispiel die klassische Problemzone Haushalt. «Der Essraum ist eine schwierige Drehscheibe», sagt Keller. Sie schauten darauf, dass der eine weg sei, wenn der andere Besuch habe, «aber oft isst man halt doch am gleichen Tisch.»

Keller hat im Parterre des Hauses ein Zimmer mit eigenem Bad bezogen. Doch nicht nur die Küche, auch das Bürozimmer teilen sich die Ex-Partner noch. «Das klappt durchs Jahr ganz gut, aber in den Ferien und an Feiertagen, wenn beide da sind, ist es schwierig.»

Vier Jahre lang zieht das Cornelius Keller mit seiner Familie schon durch. «Es funktioniert praktisch, emotional kann es irgendwann schwierig werden», sagt er. Deshalb planen die beiden eine neue Lösung – mit getrennten Haushaltungen. Trotzdem bilanziert er: «Die etwas lange Übergangslösung hat sich gelohnt, ich würde es wieder tun.»

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Alter der Kinder spielt eine Rolle

Mehr Distanz ist heute einfacher, weil beide Kinder inzwischen im Primarschulalter sind. «Da kommen sie besser klar, wenn sie nicht beide Eltern täglich sehen», sagt Keller. Renato Meier von der der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel gibt ihm recht. «Es spielt eine Rolle, wie alt die Kinder sind. Je kleiner sie sind, desto eher wohnen die Partner trotz Trennung noch beieinander.»

Meier kennt einige getrennte Paare, die das Modell «unter einem Dach» ausprobiert haben. Er sagt: «Es funktioniert nur, wenn die Partner nicht im Streit auseinandergegangen sind.»

Wenn die Eltern sogar noch miteinander am selben Tisch essen, spielt es für die Kinder meist keine Rolle, ob die Eltern noch ein Paar sind. Für die Eltern selbst aber wird es dann schwierig, wenn der eine einen neuen Partner hat. Die neuen Paare bräuchten dann mehr Raum für sich, sagt Meier. Neutralen Boden. Und wenn die Kinder in die Pubertät kämen, tolerierten sie zwei Paare unter einem Dach möglicherweise nicht mehr gleich gut.

«Es braucht einen wahnsinnig sensiblen Umgang miteinander», sagt Meier. Die Partner müssten sich auf die «parallele Erziehung» einigen, das heisst: Jeder hat seinen Stil, bei jedem gelten andere Regeln. «Für die Kinder ist das kein Problem, aber es ist ein Problem, wenn sich Eltern wegen Erziehungsfragen bekämpfen.» Das gilt für alle geschiedenen Eltern, doch beim Modell «unter einem Dach» ist die getrennte Erziehung schwieriger, schon weil es mehr Kontaktpunkte gibt.

Für die Kinder sei es zwar gut, wenn sie im selben Quartier und Freundeskreis bleiben könnten. Aber die Eltern reiben sich eher, wenn es öfter zu Wechseln kommt. Im Haus von Kellers Familie schaut mal der Mann tagsüber und abends die Mutter und umgekehrt zu den Kindern.

Geeignetes Haus muss da sein

Keller und seine Ex-Partnerin wollten beide weiter für die Kinder da sein. Und sie hatten Glück, denn sie wohnen in einem genug grossen Haus, in dem beiden Ex-Partnern genug Raum zur Verfügung steht. «Es ist wichtig, dass sich die Erwachsenen dabei nicht verlieren und sich auch fragen: Wie geht es mir dabei?», sagt Renato Meier.

Dass die Eltern das Modell den Kindern zuliebe um jeden Preis wählen, glaubt er aber nicht. «In den meisten Fällen gibt es ein Haus mit Platz, welches diese Lösung ermöglichen würde. Es ist manchmal einfach praktisch und auch günstiger.» Aber auch dann müsse das Kindswohl im Blick behalten werden. «Streit ist das Schlimmste, ob er laut ist oder unausgesprochen bleibt. Die Kinder kriegen emotionale Blockaden mit. Immer: «Da nützt es nichts, wenn man das Haus gemeinsam teilt.»