Dackel Cleo und Königspudel Mephisto arbeiten in einem Dresdner Altenheim. Dort dürfen die Bewohner die Vierbeiner im Rahmen eines tiergestützten Interventionsprogramms an der Leine führen, sie streicheln und mit Leckerli füttern. Der Tierkontakt soll die motorischen Fähigkeiten der Patienten sowie deren Alltagskompetenz und Wohlbefinden fördern.

Therapiehunde kommen auch in Schulen, in Strafanstalten – in der Schweiz beispielsweise in der Strafanstalt Lenzburg – und in Spitälern zum Einsatz, und das immer öfter. Doch wie wirksam sind die sogenannten tiergestützten Therapien?

Das Fazit einer Studie der Technischen Universität Dresden, deren Ergebnisse kürzlich auf der Tagung «Tiergestützte Intervention im Fokus der Wissenschaften» vorgestellt wurde, ist positiv. An der Studie nahmen 55 an Demenz erkrankte Bewohner zweier Dresdner Pflegeheime teil. 35 Patienten wirkten über einen Zeitraum von 6 oder 12 Monaten an einer tiergestützten Therapie mit, während 20 Patienten als Kontrollgruppe fungierten.

Tiere senken den Blutdruck

«Die Bewohner reagierten in der Interaktion mit dem Hund sehr viel aktiver und freudiger als in der Kontrollsituation ohne Hund», sagt die Erziehungswissenschafterin Sandra Wesenberg, die an den Untersuchungen beteiligt war. «Die Tiere wirkten auch als ‹sozialer Katalysator›: Über den Hund wurden Kontakte zu anderen Personen möglich.» Dies galt nicht nur für gesellige und aufgeschlossene Bewohner, sondern auch für Patienten, die eher isoliert und zurückgezogen in den Pflegeeinrichtungen leben.

Die wohltuende Wirkung von Tieren ist schon lange bekannt. So fand eine Forschergruppe an der Buffalo University New York 2003 heraus, dass die Anwesenheit von Tieren blutdruckstabilisierend wirken kann. Alleinstehenden und gestressten Börsenmaklern hatten die Wissenschafter einen Hund oder eine Katze verschrieben. Unter Stress stieg deren Blutdruck nicht halb so stark an wie jener der Makler in der Kontrollgruppe ohne Haustier.

Tiergestützte Therapien beinhalten allerdings mehr als die Haltung eines Haustieres. Eine tiergestützte Therapie ist eine «bewusst geplante pädagogische und psychologische Massnahme mit Tieren für Menschen mit kognitiven, sozial-emotionalen und motorischen Einschränkungen», steht auf der Internetseite der Europäischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie (ESAAT). «Der Erfolg einer solchen Therapie liegt unter anderem an der Wirkung der Tiere als ‹Eisbrecher›», sagt ESAAT-Präsident Rainer Wohlfarth. «Tiere begegnen Menschen ohne Vorurteile, deshalb fällt der Kontakt zu ihnen leicht.»

Tiere erleichtern den Kontakt

So kann ein Therapeut über das Medium Tier schneller eine Beziehung zu einem traumatisierten Kind aufbauen. Und Kinder, die etwa die Feinmotorik ihrer Hand trainieren müssen, streicheln lieber einen Hasen, als einen Ball zu kneten. «Tiere erhöhen die Bereitschaft des Patienten, mitzumachen. Aber Tiere heilen nicht. Sie helfen uns zu heilen», sagt Wohlfarth. Ausser Hunden werden auch Katzen, Pferde, Lamas oder gar Delfine eingesetzt.

Trotz des Booms ringen tiergestützte Therapien aber noch immer um wissenschaftliche Anerkennung. In einer Stellungnahme der Gesellschaften für Neuropädiatrie und Sozialpädiatrie und Jugendmedizin von 2008 steht zu lesen: «Die verschiedenen Formen der tiergestützten Therapie führen bei Kindern zu einer positiven Veränderung der Grundstimmung und damit auch des Verhaltens. Hierdurch können auch Verbesserungen der Grunderkrankung, zumindest kurzfristig, erzielt werden. Allerdings ist es möglich, dass es sich um unspezifische Effekte handelt, die zum Beispiel auch durch die Anschaffung von Haustieren oder den regelmässigen Kontakt mit Tieren in Gehegen oder Reitstall erreichbar wären.» Die Mediziner kommen zu dem Schluss, dass «eine spezifische und vor allem nachhaltige Wirkung der tiergestützten Therapien bisher nicht belegt werden konnte.»

Wohlfarth räumt ein, dass viele Studien zum Thema tiergestützte Therapien mangelhaft sind: «Das Studiendesign ist schlecht, es fehlen Kontrollen oder die Fallzahlen sind zu gering.» Besonders umstritten ist die Wirksamkeit der Delfintherapie, die allein aus tierethischen Überlegungen – es werden teilweise Wildtiere eingesetzt – äusserst fragwürdig erscheint.

Teil des Problems ist auch die Tatsache, dass der Begriff nicht geschützt ist und jeder tiergestützte Therapien anbieten kann. Was der Scharlatanerie Tür und Tor öffnet. «Es ist fraglich, ob ein «gutes Herz» alleine ausreicht, um therapeutische Fortschritte zu erzielen», so Wohlfarth und meint damit etliche Hundehalter, die sich dazu berufen fühlen, zu «heilen», denen aber oft jegliche Ausbildung fehlt. Um diesem «Wildwuchs» entgegenzusteuern, haben sowohl die Europäische als auch die Internationale Gesellschaft für Tiergestützte Therapie (ISAAT) Standards für die theoretische und praktische Fundierung auf dem Gebiet der tiergestützten Therapie erarbeitet. Ziel ist es, die Ausbildung sowohl der Therapeuten als auch der Tiere zu vereinheitlichen sowie eine Qualitätskontrolle zu etablieren.

Langzeiteffekt nicht bewiesen

Für Wohlfarth steht fest: «Tiergestützte Therapie ist wirksam.» Auch wenn ein Langzeiteffekt bislang noch nicht bewiesen wurde. Auch bei der Dresdner Studie waren die positiven Effekte für die Demenzkranken auf den direkten Kontakt mit dem Hund beschränkt. «Vielleicht scheint dieser Befund auf den ersten Blick enttäuschend», sagt Wesenberg, «aber in einer Lebenslage, in der die Vergangenheit versinkt und die Zukunftsperspektive keine langfristige ist, ist es umso wichtiger, das Wohlbefinden im Hier und Jetzt zu steigern.»