Ein frühlingshafter Mittag in Bern. Mundart-Rocker Kuno Lauener (56) empfängt den «Schweiz am Wochenende»-Redaktor und Mundart-Schriftsteller Pedro Lenz zum Gespräch im Berner Kursaal. Die Promotion für das neue Album «Love», das nächste Woche erscheint, ist gerade angelaufen. Fünf Jahre ist es her, seit die Band ihre letzte Studioplatte aufnahm.

Kuno, auf der neuen Züri-West- Scheibe «Love», gibt es eine Hommage an den vergessenen Schweizer Dichter Jean-Pierre Schlunegger. Der Lyriker Raphael Urweider pflegt zu sagen, es gebe mehr Gedichteschreiber als Gedichteleser. Gehörst du zur raren Gattung der Gedichteleser?

Kuno Lauener: Eigentlich bin ich kein grosser Gedichteleser. Doch vor einiger Zeit las ich einen Zeitungsartikel über Schlunegger. Er war vierzehn, als sich sein Vater 39-jährig in Vevey von einer Brücke stürzte. Für einen Vierzehnjährigen ist das natürlich die Hölle. Daraus ergab sich für ihn der Zwang, sich selbst an seinem 39. Geburtstag umzubringen. Das hat mich extrem bewegt, also habe ich seine Gedichte gelesen. Es sind lebensbejahende Gedichte, viele Liebesgedichte in einer sehr üppigen und farbigen Sprache.

Üppigkeit ist ja nicht unbedingt dein Stil. Bist du bei deinen eigenen Lyrics nicht eher ein Freund der Verknappung und Präzision?

Ja. Deshalb versuchte ich, diesen blumigen Gedichten meinen knappen Text entgegenzustellen. Dafür sind wir dann mit der Musik eher üppig. Mehr als eine Hommage an seine Gedichte ist es eine Hommage an den Menschen Schlunegger.

Nicht nur in diesem Song geht es um Verlust. Als wärst du ein Tangosänger am Rio de la Plata, betrauerst du auf «Love» vielfach den Verlust von Liebe.

Mein Vater ist ein halber Uruguayer, er kam dort zur Welt. Vielleicht habe ich dieses Gefühl in den Socken. Songs sind zum Werben und zum Sterben, so empfinde ich es zumindest. Ich schreibe lieber über solche Dinge, als dass ich mich zum Chronisten der politischen Situation machen würde. Mich interessiert eher das Zwischenmenschliche, das Abgründige.

Mich dünkt, man spüre dennoch eine politische Komponente in deinen Songs. Wenn du etwa im Song «Quick» singst «Du hesch när no d’Wäut wöue verändere / Aber i ha leider müesse ga», streifst du doch die Politik, wenngleich mit Ironie.

Klar gibt es Zustände, die mich aufregen, die ich ändern möchte. Aber ich habe dann nicht den Impuls, einen Song darüber zu schreiben. Ich gehe solche Themen eher indirekt an, zum Beispiel auch im Song «Sunntigmittag i de Sächzgerjahr». Da geht es um die ersten Italiener in der Schweiz. Die wurden damals nicht unbedingt besser aufgenommen als heute die Eritreer. Aber ich versuche, eher eine persönliche Geschichte darüber zu erzählen. Das liegt mir näher als politische Message.

Der grösste Züri-West-Hit, «I schänke dir mis Härz», war ein Song über käufliche Liebe, wird aber bis heute als Liebeslied aufgenommen. Wirst du vom Publikum missverstanden, wenn du ernsthafte Themen in Geschichten packst?

Gut, das passierte ja zum Beispiel Bruce Springsteen mit «Born in the USA» auch. Wir geben einen Song raus und dann sollen die Leute damit machen, was sie wollen. Das finde ich okay. In einer Studie kam neulich heraus, dass wir auch unter SVP-Politikern viele Fans haben. Mich stört das nicht. Das sind ja auch Menschen.

Die bisherigen zwölf Studioalben von Züri West:

Züri West gehört allen. Läuft irgendwo ein Züri-West-Song, ist immer einer da, der den Refrain mitsingt. Hat das auch mit der Sprachwahl zu tun?

Klar, in Mundart zu singen, ist unmittelbar. Die Wahl der Sprache allein verstehe ich allerdings nicht als Kunstform, sondern als etwas Selbstverständliches. Wir haben mit Züri West auch schon Deutschland-Tourneen gemacht, und selbst wenn die Platten keine riesigen Verkaufszahlen erreichten, haben die Konzerte immer gut funktioniert. Für mich wäre es sowieso keine Option gewesen, die Songs in Deutschland auf Hochdeutsch oder Englisch zu singen. Es war dann für die Leute dort auch völlig normal, dass einer in seiner eigenen Sprache singt.

Apropos Unmittelbarkeit: Im Song «Chline Brüetsch» geht es um Eifersucht in frühester Kindheit. Hilft es, den Kindern zuzusehen, um über menschliche Gefühle nachzudenken?

Seit fünf Jahren bin ich Vater einer Tochter und seit drei Jahren habe ich auch einen Sohn. Sobald man eigene Kinder hat, hat man ja täglich eine Art Bonsai-Rollenspiel vor Augen. Und damit verbunden ist auch die Angst, es könnte etwas passieren. Mich hat das zu einem Song inspiriert. Dabei geht es mir nicht unbedingt um wahre Begebenheiten, sondern um Empfindungen. Bei den Kindern sind dann Gefühle, die wir Erwachsenen eher verstecken, oft offen einsehbar.

Jetzt komm die neue Platte, Züri West geht in neuer Zusammensetzung auf eine neue Tour. Ist da auch das Gefühl immer wieder neu?

Mit der Tour ist es ein bisschen, wie wenn man nach einem Unterbruch die Skischuhe wieder anzieht und raus auf die Piste geht. Man verlernt das ja nicht. Natürlich müssen die neuen Bandmitglieder auch unsere alten Songs üben. Wir haben viel Arbeit und sind wieder spät dran. Aber das ist immer so.

Und da spielt es keine Rolle, wie viel Zeit seit der letzten Tour vergangen ist?

Es ist ja nicht so, dass ich keine Musik gespielt habe in der Zwischenzeit. Okay, in den ersten zwei Jahren nach der letzten Tour habe ich mich mehr um die Kinder gekümmert. Und ja, danach fällt es einem nicht so leicht, wieder reinzukommen. Aber eine Tournee ist sowieso immer ein Ausnahmezustand, man taucht in eine andere Welt ein, das ist auch immer mit Vorfreude verbunden. Und jetzt freue ich mich wirklich darauf.

Werdet ihr denn mit zunehmendem Alter nicht häuslicher?

Das wird man bestimmt. Gleichzeitig ist eine Nacht im Hotel, wo man ausschlafen kann, weil einen die Kinder nicht morgens um sechs wecken, auch nicht zu verachten.

Züri-West-Frontman Kuno Lauener vor einem Konzert in einem Thurgauer Kaff. Aus der Sendung «Next» (05.06.1994).

Weisst du schon, wie viele Konzerte ihr spielen werdet?

Eine genaue Anzahl kann ich noch nicht nennen. Es hängt von unheimlich vielen Faktoren ab. Heutzutage werden Tourneen über ein Jahr im Voraus geplant. Doch vor einem Jahr wussten wir noch nicht sicher, ob die Platte rechtzeitig rauskommt. Wir haben viele Anfragen. Jetzt müssen wir darauf achten, dass die Auftritte gut koordiniert sind.

Ist es beruhigend, zu wissen, dass die Nachfrage nach Züri West auch nach fünf Jahren Bühnenabwesenheit unverändert gross ist?

«Love» heisst das neue Album der Berner Band Züri West. So direkt und klar wie der Albumtitel kommen auch die Songs dieser herausragenden Scheibe daher. Berührende Melancholie wechselt sich ab mit schnellem Rock. Man hört die Lieder und fragt sich ständig, warum nicht mehr solch unmittelbare, starke Alben auf dem heimischen Markt erscheinen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass im Rock ’n’ Roll, wie in jeder Kunst, die Schönheit im Einfachen am schwierigsten zu erreichen ist.

Direkt und klar

«Love» heisst das neue Album der Berner Band Züri West. So direkt und klar wie der Albumtitel kommen auch die Songs dieser herausragenden Scheibe daher. Berührende Melancholie wechselt sich ab mit schnellem Rock. Man hört die Lieder und fragt sich ständig, warum nicht mehr solch unmittelbare, starke Alben auf dem heimischen Markt erscheinen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass im Rock ’n’ Roll, wie in jeder Kunst, die Schönheit im Einfachen am schwierigsten zu erreichen ist.

Sicher. Heute gibt es ja so viele Möglichkeiten, sich zu verhuren. Innerhalb dieser Möglichkeiten finde ich das Spielen von Konzerten noch immer die beste Variante. Es ist ein fairer Deal. Du spielst, du gibst alles, du wirst dafür bezahlt und dann gehst du weiter.

Immer der Landstrasse nach?

Klar, wir spielen auch oft auf dem Land. Wir gehören zu den Bands, die zu den Leuten rausfahren. Wir bilden uns nicht ein, alle müssten zu uns kommen. Wir gehen zu ihnen.

Anders als manche deiner Berufskollegen sieht man dich selten ausserhalb der Bühne. Entziehst du dich bewusst dem Promileben?

Auch bei mir kommen ständig Anfragen für alles Mögliche. Aber für mich ist es recht einfach – wenn ich nichts zu verkaufen habe, halte ich den Kopf nicht raus. Das ergibt sich von selbst, weil ich mich eher als privater Mensch fühle. Um Songs zu schreiben, genügt mir meine kleine, private Welt. Ich brauche die Öffentlichkeit nicht.

Du bist der einzige Rockstar, dem ich das wirklich glaube. Aber was ist, wenn die Öffentlichkeit dich braucht?

Dann bin ich froh, dass ich die Band habe, sonst würde ich mich kaum auf eine Bühne trauen. Und deswegen sind Tourneen für mich die ideale Form, in der Öffentlichkeit zu stehen. Dann weiss ich, jetzt geben wir eineinhalb Jahre alles, gehen raus und machen das, was wir gerne machen. Und am Ende bin ich froh, wenn es wieder vorbei ist. Zwischen den Tourneen habe ich kein Mitteilungsbedürfnis. Ich treffe meine Kumpels, gehe Fussball schauen und halte mich still.

Hältst du dich auch auf Social Media zurück?

Die Art, wie man sich zum Beispiel bei Facebook mit meist nicht besonders substanziellen Wortmeldungen selber ins Gespräch bringt, ist mir eher suspekt. Oft ist da eine Hektik drin, die mir eigenartig vorkommt, weil sie auch nicht nachhaltig ist. Klar muss man als Band heutzutage diese Kanäle bedienen, aber da lassen wir lieber Kommunikationsprofis ran.

Hat deine Skepsis gegenüber Social Media mit dem Alter zu tun?

Wahrscheinlich schon. In meiner Jugend war es cool, anders als die andern zu sein, Musik zu hören, die kaum einer kannte. Jetzt dünkt es mich zuweilen, es sei umgekehrt. Die Jungen wünschen am Radio die Songs, die alle andern sicher auch kennen.

Ein Fussballer, der ins Alter kommt, verlässt den Rasen und muss sich neu orientieren. Aber ein Rockstar, der älter wird, bleibt auf der Bühne. Ist das nicht anstrengend?

Früher dachte ich, Fussballer seien arme Kerle, weil sie mit 35 schon ausgemustert werden. Heute denke ich manchmal, die haben es gut, die können abtreten. Ich könnte ja auch im Hintergrund wirken, Bands produzieren oder so, aber mein Ding ist es halt, selbst zu spielen. Natürlich, der Stress wird nicht kleiner, aber ich möchte nichts anderes tun.

Züri West - «Güggu»

Wie begegnet ihr als Band dem Zeitgeist?

Mit neugieriger Gelassenheit. Selbstverständlich sind wir über musikalische Trends auf dem Laufenden. Wir lassen uns auch inspirieren, aber wir müssen uns nicht mehr immer so sehr mit anderen messen. Das ist ein gutes Gefühl. Jetzt kommt zum Beispiel «Jeans For Jesus» mit einer neuen Scheibe. Da bin ich gespannt drauf. Früher hätte ich gehofft, dass die andern nicht zu gut rauskommen. Heute kann ich mich über den Erfolg anderer Bands freuen. Klar will man selber seinen Platz halten, aber man mag den andern auch mehr gönnen.

Im Sommer 1994 ritten Züri West auf ihrer grössten Erfolgswelle. Danach hatte man den Eindruck, ihr hättet mit der CD «Hoover Jam» absichtlich ein weniger eingängiges Album eingespielt. War euch der Grosserfolg suspekt geworden? Wolltet ihr damals mehr Kunst und weniger Kommerz?

Das war kein bewusster Entscheid. Ich glaube, es geschah eher instinktiv. Wir arbeiteten für jenes Album mit einem Produzenten in den USA, der uns interessierte. Es war kommerziell sicher nicht der beste Karrieremove, aber für das Fortbestehen der Band war es sicher der richtige Schritt. Wir wollten ja nicht in erster Linie Hitparadenstürmer sein, sondern Musiker, die weiterkommen.

Der Versuchung, sich zu sehr dem kommerziellen Erfolg unterzuordnen, können Künstler aller Sparten erliegen. Ist eine Band als Kollektiv in dieser Hinsicht unbestechlicher als etwa ein einzelner Musiker?

Bei uns sicher. Wir sind ja seit unseren Anfängen im gleichen Keller, im dritten Untergeschoss. Dort heckst du als Band dein Ding aus, und was oben passiert, ist dieser Gruppe in diesem Moment eher egal. Wir waren nie grosse Strategen, wir waren einfach immer bei der Sache.

Du bist der Literat der Rockszene. Worauf achtest du beim Texten?

Die Rhythmik ist das A und O, auch beim Schreiben. Selbst ein Roman muss grooven. In meinen Anfängen kam die Rhythmik direkt vom Lärm der Schreibmaschine. Bei mir kommt noch die Liebe zur Knappheit dazu. Ich mag die Verknappung und wenn ich mit einer Strophe gesagt habe, was ich sagen wollte, dann suche ich nicht noch eine zweite und eine dritte Strophe. Da wiederhole ich lieber. Die Wiederholung ist mir wichtig. Manchmal merke ich auch, dass ich Dinge von anderen Künstlern aufsauge. Das kann so weit gehen, dass ich beim Schreiben gewisse Autoren oder Musiker eine Zeit lang nicht lesen oder hören kann, um nicht zu direkt beeinflusst zu werden.

Das kenne ich. Man ist von etwas Fan und bekommt ein Distanzproblem. Bist du selbst auch Fan?

Immer wieder. Als Bub waren Polo Hofer und Udo Lindenberg meine Helden. Das legte sich dann auch mal, aber als Anstoss waren die unheimlich wichtig. Und Leute wie Baze oder Stahlberger, um nur wenige zu nennen, sind inspirierend für mich.

Und wenn wir gerade vom Fan-Sein reden. Sag bitte noch einen Satz zu den Young Boys.

YB forever. Ist dir übrigens auch aufgefallen, dass YB seit neustem «forever» auch in einem Wort schreibt? Bisher hiess es ja immer YB for ever. Jetzt haben sie das korrigiert.