Willkommen im Jahr 2017! Es ist das Jahr des Reformationsjubiläums. Manche feiern es als Ausgangspunkt zur Befreiung von kirchlichen Zwängen und des Geistes. «Selber denken» war die Devise des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli. Von ihm ging der Hauptimpuls der Deutschschweizer Reformation aus. Andere denken beim Reformationsjubiläum an fünfhundert Jahre Kirchenspaltung in Europa und den steinigen Weg der kirchlichen Ökumene heute.

Auch den evangelischen Täufer-Gemeinschaften dürfte wenig feierlich zumute sein. Zwinglis Reformation, in deren historischem Kontext sie im 16. Jahrhundert entstanden sind, war Ausgangspunkt späterer brutalster Verfolgung durch radikale Reformatoren. Gerade in der Schweiz. Etliche Frauen und Männer wurden sogar zu Tode gefoltert oder in Bern in der Aare ertränkt.

Hingerichtete und Peiniger waren Christen und beriefen sich gleichermassen auf … Ja, worauf denn eigentlich? Auf Jesus Christus? Auf die Freiheit des Denkens? Auf die Freiheit des Glaubens? Auf die Wahrheit? Auf die christliche Kultur? Auf christliche Werte?

Selbst die radikalen Reformatoren attestierten den Täufern nichts als tugendhaftes christliches Verhalten. Sie seien weder habsüchtig noch stolz. Noch würden sie sich irgendwie unsittlich verhalten.

Geradezu bewundernd bemerkten sie, dass die Täufer eine Frömmigkeit und Hingabe zeigten, die allein aus dem göttlichen Geist gespeist sein müsse. Anders sei ihre Hinnahme von Vertreibung, Folter und Martyrium nicht zu deuten. Wenn sie also alle christlichen Tugenden auf sich vereinten, warum wurden sie dann von den Reformatoren derart bekämpft?

Wohl weil sie ihr Christsein anders verstanden und anders gelebt haben wollten. Weil sie sich nicht an die neuen Strukturen einer reformierten Staatskirche anpassen wollten. Und weil sie für eine strikte Trennung von Religion und Staat eintraten.

2017 ist auch das Jahr kantonaler und kommunaler Wahlen im Kanton Solothurn. Wortgewaltig wie einst Martin Luther und Huldrych Zwingli werden heuer Kandidaten und Kandidatinnen aller Parteien auf Stimmenfang gehen. Dabei werden einige mit Sicherheit die Verteidigung oder zumindest die Besinnung auf christliche Werte bemühen.

Jeder wird sie nach eigenem Verständnis und noch vielmehr nach eigenen Interessen und Zwecken definieren. Und man wird auch wie vor fünfhundert Jahren Andersdenkende und religiöse Minderheiten verunglimpfen. Nicht weil man ihnen konkret ein schadhaftes Verhalten nachweisen könnte. Sondern weil diese Gemeinschaften sich nicht allen Strukturen anpassen wollen. Weil sie anders glauben und anders leben wollen.

Die Täufer Europas wurden nicht alle getötet, viele flohen ins Exil in die USA, wo sie heute noch als Amische oder Hutterer leben. Sie sind sich ganz ihrer Auffassung von christlichem Leben treu geblieben. Sie lehnen Gewalt strikte ab und auch weitgehend die Erzeugnisse der technisierten und konsumorientierten Moderne.

Pferdekutsche statt Auto. Kein TV oder Internet. Kein Handy. Keine industriell hergestellten Nahrungsmittel. Alle Dinge des täglichen Bedarfs werden biologisch und nachhaltig selbst hergestellt. Geheiratet wird innerhalb der Gemeinschaft. Kontakte nach aussen werden gemieden. Sie leben abgeschlossen als Parallelgesellschaft. Ein Ausscheren aus der Gemeinschaft ist äusserst schwierig und mit schwerwiegenden Konsequenzen für den Einzelnen verbunden. Das verbindliche Fundament für ihr Leben ist die Bibel.

Vielleicht würden einige Politiker, die so gern die christlichen Werte im Wahlkampf bemühen, sie als vorbildliche Christen sehen. Aber würden umgekehrt Amische und Hutterer diese Politiker auch als vorbildliche Christen sehen? – Selber denken!