Als Susan im Speisesaal des «Bellapais-Garden» an diesem verregneten Winterabend den Evergreen «Those were the Days» singt, wird Sabri melancholisch. Traurig blickt der Besitzer des stilvollen Hotels ins Kaminfeuer, nippt an seinem Rotweinglas, bevor er mit leiser Stimme über «die längsten Verhandlungen der Welt» sinniert. Fast alle Politiker aus dem «griechischen Teil von Zypern» seien schon bei ihm gewesen, erzählt der türkische Zyprer lächelnd. Sie hätten dann «greek coffee», ihre türkisch-stämmigen Gesprächspartner ausdrücklich türkischen Mokka bestellt. «Dabei wussten alle ganz genau, dass wir den Kaffee in einem Topf kochen», betont Sabri: «Schliesslich sind wir alle Zyprioten.»

Man sei sich nah und doch noch so fern – was 42 Jahre nach der türkischen Invasion, die zur Teilung der Mittelmeerinsel führte, nicht überraschend ist. Trotzdem, glaubt Sabri, wollten
die meisten türkischen Zyprer die «Wiedervereinigung der Insel». «Nicht als Junior-Partner, wie es die griechischen Zyprer gerne hätten, sondern auf Augenhöhe», erklärt uns Selim.

Der dynamische Geschäftsmann ist über die Weihnachtsfeiertage von London ins türkische Nord-Zypern gekommen, um im «Bellapais-Garden» «endlich einmal zur Ruhe zu kommen». Vor 14 Jahren hatte Selim die Insel verlassen, weil er «keine Zukunftsperspektiven» mehr sah. Heute ruft er «zur Verteidigung unserer Heimat auf». «Das tun doch jetzt die Türken», entgegnen wir. Selim nickt, ehe er nach einem Seitenblick die Befürchtung äussert, dass man angesichts der vielen Festlandtürken auf der Insel Gefahr laufe, die «türkisch-zyprische Identität zu verlieren».

Zwei bekennende Befürworter

Mit dem türkisch-zyprischen Volksgruppenführer Mustafa Akinci und Nicos Anastasiadis, dem Präsidenten der Insel-Republik, sassen sich zum ersten Mal seit der Teilung der Insel zwei bekennende Befürworter einer Lösung des Zypern-Konfliktes gegenüber. Sie hätten in fünf Monaten mehr Fortschritte erzielt als in den 47 Jahren zuvor, verkündete das Verhandlungsteam noch im November letzten Jahres stolz.

Eckdaten des Konflikts

  • 1959 verständigt sich die Kolonialmacht Grossbritannien in Zürich und London mit den «Mutterländern» Griechenland und der Türkei.
  • 1960 wird die Mittelmeerinsel unabhängig. Die bereits vorhandenen Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen verschärfen sich in den folgenden Jahren.
  • 15. Juli 1974: Offiziere der griechisch-zyprischen Nationalgarden putschen mit dem Segen der Athener Junta in Nicosia. Fünf Tage später besetzen türkische Truppen den Norden der Insel. 250 000 griechische Zyprer fliehen in den Süden, den 65 000 türkisch-stämmige Bewohner verlassen.
  • 2002: Die Europäische Union empfiehlt die Aufnahme der Republik Zypern. Der Beitritt erfolgt zwei Jahre später.
  • 2004: Die griechischen Zyprer lehnen mit grosser Mehrheit den Plan des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan zur Wiedervereinigung ab. Der türkische Norden stimmt zu.

Als einen Monat später im schweizerischen Mont Pèlerin die noch offenen Kernthemen Territorium, Sicherheitsgarantien und Staatsführung geregelt werden sollten, seien die griechischen Zyprer «plötzlich masslos und unverschämt» geworden, behauptet Sabri.
Besonders deutlich sei dies bei den Karten zum Ausdruck gekommen, auf denen die Verhandlungsteams jene Gebiete eingezeichnet hatten, die sie von der Gegenseite zurückfordern respektive zurückgeben wollen.

Auch in der Frage der Sicherheitsgarantien wollten sich die Insulaner plötzlich nicht mehr bewegen. Ohne einen Abzug der etwa 30 000 Soldaten werde es keine Lösung geben, verkündete Nicos Anastasiadis unter dem Beifall seiner griechischen Landsleute. Für Selim sind dagegen bewaffnete Festlandtürken «trotz aller Vorbehalte der einzige Schutz vor neuen Massakern griechisch-zyprischer Faschisten». Sie hatten 1974 in Nicosia geputscht und damit den Einmarsch der türkischen Invasionsarmee ausgelöst.

18 Monate konstruktiver Verhandlungen schienen plötzlich vergebens. Die Hardliner auf beiden Seiten triumphierten. Vor allem im griechischen Teil Zyperns sah man sich bestätigt, dass «mit Türken kein Deal möglich ist». «Besser, wenn alles so bleibt, wie es ist», glaubt Panos Panayiotis. «Halbe Lösungen» kommen für den in Limassol lebenden Elektriker nicht die Frage. «Die Türken müssen uns das 1974 besetzte Territorium vollständig zurückgegeben.»

Erst dann würde auch er einen Lösungsplan bei einem für den Sommer geplanten Referendum befürworten. Die meisten griechischen Zyprer wollen, wie Panayiotis, keine «Türken als Freunde». Fast 70 Prozent von ihnen haben den Nordteil der Insel nach der Invasion nicht besucht. Türkische Zyprer fahren dagegen regelmässig in den Süden. Zur Erholung und zum Einkaufen. Einige haben dort Arbeit gefunden.

Die Bewohner des Nordens waren es, die 2004 bei einer Volksabstimmung dem Annan-Plan zur Lösung des Konfliktes zugestimmt hatten. Die griechischen Zyprer stimmten mit «Nein» und könnten dies erneut tun, falls es Präsident Anastasiadis nicht gelingen sollte, seine Landsleute für eine Lösung zu begeistern, befürchtet Michalis Theodoulou von «Cyprus Mail». Eine internationale Werbeagentur, glaubt der Journalist, könnte dem spröden Politiker helfen, einen Wiedervereinigungsplan «unserer ziemlich halsstarrigen Bevölkerung schmackhaft zu machen».

Heikle Punkte noch regeln

Noch ist es nicht so weit. Zunächst müssen Anastasiadis und Akinci am Montag in Genf die heikelsten Punkte des Abkommens regeln. Europäische Diplomaten in Nicosia gingen im Gespräch davon aus, dass «ein Deal bereits in trockenen Tüchern ist». Neben den seit 1974 verwaisten Tourismushochburgen im Westen von Famagusta würden die türkischen Zyprer auch die Ortschaft Morphou sowie Gebiete in Zentralzypern zurückgeben, behaupten Gewährsleute in der letzten geteilten Hauptstadt von Europa. Die Frage der Sicherheitsgarantien sollen ab kommenden Donnerstag Vertreter der türkischen und griechischen Regierung sowie Diplomaten der ehemaligen britischen Kolonialmacht lösen. Sie hatte mit ihrer «Teile und Herrsche»-Politik den Konflikt massgeblich angeheizt.

Im «Bellapais Garden»-Hotel trafen wir am Neujahrsmorgen Kosta. Der Computer-Spezialist kam mit seiner Familie aus dem griechisch-zyprischen Paphos in den türkischen Norden. Zum ersten Mal. Und würde es «wieder tun». Sechs Stunden feierte der Mann aus dem Süden der Insel mit türkischen Zyprern. «Sie sprechen auch 42 Jahre nach der türkischen Invasion noch immer fliessend Griechisch», bemerkt Kosta anerkennend. «Wir Griechen können dagegen nicht einmal ‹Guten Morgen› auf Türkisch sagen.» Das wird sich ändern, hofft Kosta: «Die beste und vermutlich letzte Chance zur Lösung des Zypern-Konfliktes müssen unsere Politiker jetzt unbedingt nutzen».