Im Krieg verschwimmen die Begriffe. Jeder Krieg ist «grausam», schliesslich ist das Ziel des Kämpfens der Tod des Feindes. Aber immer wieder tauchen Bedenken auf, gewisse Praktiken seien «zu grausam» und müssten eigentlich verboten werden. Zu diesem Zweck wurde 1899/1907 die «Haager Landkriegsordnung» ausgehandelt. Praktisch alle Teilnehmerstaaten im späteren Ersten Weltkrieg hatten sie unterzeichnet. In Artikel 23 wurde eine Definition der Mittel versucht, welche im Krieg verboten seien. Darunter war die Verwendung von «giftigen Substanzen» und der Gebrauch von Waffen und Geschossen, «die unnötiges Leid verursachen».

Fritz Haber.
Fritz Haber.
Quelle: ho

Fragt man unbefangene Gemüter, würde darunter eigentlich alles Kriegsgerät fallen. Dann gibt es die Realisten, die akzeptieren, dass im Krieg «geschlachtet» werden muss.

'S ist halt Krieg, sagen sie, aber bitte so schmerzlos wie möglich. Und dann gibt es noch die raffinierten Gemüter. Die über zwei Ecken denken. «Unnötiges Leid» verstehen sie dann in einem ganz weiten Sinn, ist alles, was den Krieg unnötig verlängert. Was für den Sieg der eigenen Waffen nötig ist, es muss getan werden. Das Argument ist spätestens seit Hiroshima 1945 vertraut: Die Bombe hat den Krieg verkürzt und unzähligen Soldaten - amerikanischen und japanischen - den Tod erspart.

In grossem Massstab und tödlich

Das Argument wurde aber bereits im Ersten Weltkrieg bemüht. Der Stellungskrieg, zu dem die Kriegshandlungen im Sommer 1914 schnell erstarrt waren, sei von Übel. Alles, was den Krieg wieder in Bewegung setzen und ihn damit zu einem schnelleren Ende führen könnte, sei von Gutem. Um den Gegner aus seinen Stellungen herauszutreiben, müsse man halt andere Mittel finden. Zum Beispiel Gas, weil es «dorthin geht, wohin der Eisensplitter nicht gelangt».

Die Formulierung stammt vom deutschen Chemiker Fritz Haber (1868-1934, Nobelpreisträger 1919). Fritz Haber galt als der grosse Promoter des Gaskrieges. Aber der Erfinder war er nicht. Die Franzosen hatten schon vor 1914 Gas in Patronen abgefüllt. Aber das waren Spielereien mit begrenzter Wirkung. Und auch die Versuche, «Niespulver», Reiz-Substanzen, in die feindlichen Gräben zu schiessen, brachte wenig Erfolg.

Haber wollte es «richtig» machen. In grossem Massstab und tödlich. Dazu nahm er Tausende von Flaschen (à 20 und à 40 Kilogramm) gefüllt mit Chlorgas. Chlor ist hochgiftig, leicht flüchtig und ein bisschen schwerer als Luft. Habers Idee war es, diese 150 Tonnen Gas «abzublasen» und vom Wind in die feindlichen Gräben verfrachten zu lassen. Über 1000 Tote und 10 000 Verwundete waren die Folge - und Habers Beförderung vom Vizewachtmeister zum Hauptmann.

Frau brachte sich um

Offizier in Kaisers Armee, das wäre Fritz Haber schon lange gerne gewesen. Aber er war Jude. Zwar konvertiert und glühender Nationalist, aber Jude blieb man irgendwie. Die Beförderung wurde bei einem Heimaturlaub gefeiert. Keinen Grund zum Feiern sah seine Frau. Clara Immerwahr, eine der ersten Frauen mit einem Doktortitel in Chemie, sie wollte nicht einsehen, was an den Taten ihres Gatten Rühmenswertes war. Die Ehe war schon zuvor zerrüttet, weil der ehrgeizige Haber keine Rücksicht auf die wissenschaftlichen Ambitionen seiner Frau nahm.

Sie, die sich aus der Mädchenschule über das Abitur zum naturwissenschaftlichen Studium durchgekämpft hatte, sollte ihm jetzt «den Rücken freihalten» und seiner Karriere zuschauen. Anders als ihr Mann, der im Krieg eine «nationale Aufgabe» sah, verabscheute sie den Militarismus. Dass man ihn nun auch noch für Massenmord belohnte, war zu viel. Am 2. Mai 1915 erschoss sie sich mit seiner Dienstpistole.

Fritz Haber war eine zerrissene Persönlichkeit. Albert Einstein war mit ihm befreundet. Zusammen mit Carl Bosch entwickelte er ein Verfahren, um Ammoniak mit Stickstoff aus der Luft zu synthetisieren. Damit schuf er die Grundlage der Dünge-Landwirtschaft und rettete Millionen vor dem Hunger («Brot aus der Luft»).

Gleichzeitig half er dem Kaiserreich, überhaupt länger als ein paar Monate Krieg zu führen. Die Alliierten hatten Deutschland sofort von der Salpeterzufuhr abgeschnitten. Ohne Salpeter kein Sprengstoff. Dem deutschen Militärapparat wäre sehr schnell die Munition ausgegangen. Für seine wissenschaftlichen Fortschritte in der Chemie erhielt er 1919 den Nobelpreis.

Als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts verjagten ihn die Nazis 1933. Er starb 1934 im Exil in Basel. Einer seiner früheren Mitarbeiter erfand das Schädlingsvernichtungsmittel «Zyklon B»; das Gas, das verwendet wurde, um Millionen Juden zu töten.