Hier verbringt das Pony mit dem biblischen Alter also seinen Lebensabend. Wendy steht gebrechlich in der Einfahrt zum Valurhof im Leuggemer Ortsteil Hagenfirst und empfängt, so gut es noch geht, die ankommenden Gäste.

Das Isländer Pony dürfte mit seinen 48 Jahren das älteste Pferd der Schweiz sein, was umgerechnet mehr als 125 Menschenjahren entspricht. Die alte Dame, die 1969 in Fislisbach zur Welt kam, hat in ihrem langen Leben schon viel erlebt, einige Krankheiten durchgestanden und zahlreichen Kindern als Reitpferd gedient. Zu ihnen gehörte einst auch Corinne Kählin, ihre heutige Besitzerin.

Nun scheinen Wendys Tage gezählt: Sie steht auf dem Vorplatz, zittert, und kann sich kaum mehr auf den Beinen halten. Corinne Kählin hat sie in eine wärmende Decke eingepackt. Wendy ist abgemagert und schwach.

Das älteste Pony der Schweiz? Wendy in einem «Tele M1»-Beitrag vom April 2014.

Bei ihr wurde im vergangenen Jahr ein Tumor am Hals entdeckt. Seither frisst sie kaum noch. «Im November sah es aus, als würde sie sterben», sagt Kählin aus einer Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit.

Doch Wendy ist zäh, obwohl sie öfters strauchelt und immer wieder stürzt, hält sie tapfer ihre Stellung. Sie lässt sich auch vom übermütigen Bulldogge-Männchen Vito nicht aus der Ruhe bringen, der aufgeregt um das Pony herumschnuppert.

«Sie schläft nur noch im Stehen. Wenn sie hinfällt, braucht sie Hilfe, allein schafft sie das nicht mehr», sagt Kählin. Die engagierte Tierschützerin glaubt dennoch, dass Wendy nicht leiden muss. «Der Tierarzt hat sie untersucht und ihr ein Medikament verabreicht, seither hat sich ihr Zustand etwas stabilisiert.»

«Einschläfern möchte ich sie nicht»

Für manch einen mag es unverständlich klingen, dass sie Wendy noch immer hegt und pflegt. «Aber Einschläfern möchte ich sie eigentlich nicht.» Über all die Jahre ist eine emotionale Verbindung zwischen den beiden entstanden. Wendy ist seit drei Jahrzehnten Kählins treue Begleiterin.

Zum Fototermin erscheint neben Wendy und Vito auch die neugierige Zwergziege Arthur, der jüngste Zuzug auf dem Valurhof. Die Geschichte wiederholt sich: Sobald Corinne Kählin erfährt, dass ein Tier für die Schlachtbank bestimmt ist oder von Besitzern schlecht gehalten wird, wird sie aktiv.

Über die Jahre hat sie sich ein kleines Tierreich geschaffen. Hoch über Leuggern tummeln sich neben Pferden und mehreren Shetland-Ponys sieben Geissen, zwei Schafe, drei Hunde, zwölf Katzen, 25 Hühner und 21 Hasen.

Um den Betrieb finanzieren zu können, bietet Kählin auf ihrem Hof Reitunterricht, Reitlager und Pensionsplätze für Pferde an. Jedermann und jedes Kind sei zudem jederzeit willkommen, um sich mit den Tieren abzugeben und hier die Freizeit sinnvoll zu verbringen. «Die Ponys sorgen für Abwechslung vom Schulalltag.»

Old Billy ist der Älteste

Bis vor kurzem stand auch Wendy noch im allgemeinen Trubel. Das Pony war nicht nur wegen seines hohen Alters, sondern auch wegen seines festen Charakters die Attraktion auf dem Valurhof. Apropos Alter. Die uneingeschränkte Bestmarke hält Old Billy aus dem britischen Dorf Woolston.

Der Arbeitsgaul, der ein halbes Jahrhundert im Dienst stand, brachte es – bis zu seinem Tod 1822 – auf stolze 62 Jahre. Diese Marke wird Wendy nicht überbieten. Das weiss auch Corinne Kählin. Wendys Tage sind gezählt: «Wer sie nochmals sehen möchte, der sollte sich beeilen, bevor es zu spät ist.»