Aarau
Aktualisiert am 22.10.11, um 11:28 von Sabine Kuster
 

Die Gang vom Aarauer Bahnhof: «Wir wollen Aarau an die Spitze bringen»

Die Gang vom Aarauer Bahnhof: Doppel A
Quelle: youtube.com
Ihr Rap auf Youtube war im September das Stadtgespräch unter den Jugendlichen in Aarau: Sie nennen sich «Doppel-A», sind Teenager, Rapper – und zurzeit das Stadtgespräch. az traf die Mitglieder der Gang an ihrem Treffpunkt, dem Aarauer Bahnhof. von Sabine Kuster
 

Ihr Rap auf Youtube war im September das Stadtgespräch unter den Jugendlichen in Aarau: Oguzhan und Fatbardh stehen im Video mit ihren Freunden auf dem Gleis 1 in Aarau und sagen, was sie mit ihren Feinden tun wollen. In aller Deutlichkeit. So deutlich, dass sie bald Anrufe von Lehrern, der Polizei und SVP-Mitgliedern erhielten. Diese rieten ihnen ebenfalls deutlich, den Rap vom Netz zu nehmen. Was sie dann taten. Auch im Hinblick auf die Lehrstellen, welche die meisten von ihnen frisch angetreten haben.

Abhängen am Bahnhof

«Doppel-A» nennen sie sich, in Anlehnung an Aarau. Die meisten kommen aus den umliegenden Dörfern, aus Buchs, Oberentfelden, Suhr und Teufenthal. Sie treffen sich fast täglich am Aarauer Bahnhof. Wer sie sucht, findet sie schnell. Jeder, der dort rumhängt, kennt den 16-jährigen Oguzhan. «Ich rufe ihn», sagt ein Typ und wenig später steht er vor mir, will wissen, was los ist. Er willigt schnell zu einem Interview ein, wir verabreden uns. Dann sagt er: «Sie können mir gratulieren, ich habe heute Geburtstag. Und ich habe eine Lehrstelle gefunden.» Hinter ihm murrt einer: «Ich hab sie verloren.»

Ein paar Tage später treffen wir uns wieder auf dem Gleis 1, er hat seinen Cousin mitgebracht, der «schon eine Stufe höher sei» im Rapper-Business. Alperen heisst er, Rappername «Alpi One». Er zählt seine Auftritte in verschiedenen kleinen Klubs der Umgebung auf.

Nach und nach tauchen noch drei Kollegen auf, auch der 17-jährige Fatbardh, mit dem Oguzhan den Rap geschrieben hat. Sie posieren mit ernster Miene für den Fotografen, als stünden sie täglich im Blitzlicht. Dann rappen sie vor der Videokamera eine der «harmloseren» Zeilen aus ihrem Song: «Wiiter gots zum Starbucks / fighte gäg die huere Punks / d Bulle scho vor Ort / Doppel-A Tatort/ links-rechts High-Kick / de Bastard flügt zu Bode / Uppercut Streetfight / die Schwuchtle läckt min Hode.»

Wer seid ihr?

Oguzham: Wir sind junge Leute aus Aarau, machen gerne Musik.
Alperen: Wir haben einen Traum.

Was für ein Traum?

Alperen: Wir wollen gross rauskommen und allen zeigen, dass Schweizer Rap gut ist. Ich finde den Rap von Oguzhan und Fatbardh gut.

Die Leute haben aber dagegen protestiert.

Alperen: Ausländer sind ja ein Thema und auf dem Video waren Waffen zu sehen ...

Ihr hieltet Messer in den Händen.

Alperen: Das bringt halt eine negative Ausstrahlung.

Die war doch beabsichtigt.

Oguzhan: Ja, aber es war nicht für die älteren Leute gedacht.

Warum nicht für die Älteren?

Alperen: Die denken sich dann etwas Falsches. Wir sind keine, die ständig Probleme machen.

Ihr lebt die Aggression nicht, die im Video zu hören ist?

Fatbardh: Nein, das ist bloss das Image eines Rappers. Bushido macht auch solche Raps. Es gibt ruhigere und lautere Songs.

Habt ihr schon einmal jemanden verprügelt?

Oguzhan: Ja.
Fatbardh: Es gibt Momente, da kann die Szene eskalieren.

Und dann prügelt ihr euch?

Oguzhan: Es geht halt nicht anders. Wenn jemand zum Beispiel meine Mutter beleidigt. Das geht nicht. Ich würde ihn zuerst warnen, aber wenn er weitermacht, schlage ich zu.

Mit Waffen?

Oguzhan: Nein. Wir planen eine Schlägerei nie, aber wenn uns jemand in die Quere kommt, müssen wir das lösen.

Das Video ist aber eine Provokation.

Alperen: Das Video haben wir nur gemacht, weil wir Aarauer ziemlich viel provoziert werden von Rappern aus Luzern oder Zürich.
Oguzhan: Mir haben schon viele geschrieben, sie wollten mich dissen*. Mit dem Video sage ich, dass das keine gute Idee wäre.

Gibt es Streit zwischen den Städten?

Oguzhan: Ja. Aarau ist eine Kleinstadt, wir sind wie eine Familie, den Zusammenhalt wollen wir zeigen.

Ihr rappt aber auch gegen Punks in Aarau. Was habt ihr gegen die?

Oguzhan: Nichts! Aber es gab einmal eine Szene, wegen eines toten Kollegen von uns, den Punks beleidigten.

Was heisst beleidigt?

Oguzhan: Eine Kollegin rief mich an und sagte, Punks beim Starbucks würden über den toten Freund lästern. Er starb vor drei Monaten zu Hause nach einem Anfall. Da gingen wir hin und stellten den Punk zur Rede. Aber er war frech und so mussten wir den Konflikt «regeln».

Ihr seid doch die typischen gewaltbereiten Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Fatbardh: Haben Sie die Videos auf Youtube neben unserem gesehen? Da ist unseres direkt harmlos. Dort kommen Drogen, Elektroshocker und Schlagstöcke drin vor. Die Leute schätzen uns falsch ein, unsere Charakter sind nicht aggressiv.

Wurdet ihr schon einmal verhaftet?

Oguzhan: Ein paar Mal nahmen sie mich mit.

Habt ihr etwas gegen die Polizei?

Oguzhan: Wir haben nur gegen jene etwas, die nicht respektvoll mit uns umgehen. Wie gestern: Wir waren am Bahnhof und ein Polizist kam und sagte: «Ausweis bitte.» Ich antwortete: «Ich habe mein Portemonnaie verloren.» Es war die Wahrheit. Aber er sagte bloss: «Das habe ich nicht gefragt.» Das ist Provokation, dann provoziere ich zurück. Gestern nahmen sie mich dann mit.

Was hält ihr von den Schweizern?

Fatbardh: Ob Schweizer oder Ausländer spielt für uns keine Rolle.
Oguzhan: Ich habe den Schweizer Pass und viele Schweizer Kollegen. Ich rappe ja im Video: «Türken, Kurden, Albaner, Araber, Italos, SCHWEIZER, Bosnier, Marokkaner.» Es kommt nur drauf an, wer uns mit Respekt behandelt. Wer uns respektiert, kriegt auch unseren Respekt. So einfach ist es.
Alperen: Wir haben uns unseren Fame in Aarau selbst erschaffen. Mit Rap. Ohne dass wir in krasse Dinge verwickelt wären.
Oguzhan: Kinder und Frauen wollen Fotos mit mir machen, wenn ich in Zürich bin.

Warum gehts immer um Respekt? Ihr nehmt euch ganz schön wichtig für euer Alter.

Fatbardh: Respekt ist etwas Unbezahlbares heute. Weil der Mensch immer mehr belügt und betrügt. Darum ist uns Respekt wichtig.

Ist Aarau cool?

Oguzhan: Aarau ist King! Ich will nicht weg von hier.
Fatbardh: Ja, wenn die Polizei nicht wäre. Die bewachen uns. Wir sind immer unter Tatverdacht, obwohl wir nichts Kriminelles machen.
Alperen: Wir fühlen uns auf den Strassen in Aarau wohl, nicht in den Klubs. Wir sind Strassenjungs, hier treffen wir uns.

Warum nicht in den Klubs?

Oguzhan: Das ist nicht unser Ding, wir hören keine Disco-Musik. Da bekomme ich Kopfweh.
Fatbardh: Wir fühlen uns wohl zusammen. Früher hatten wir von den verschiedenen Gemeinden Streit, aber jetzt nicht mehr.
Alperen: Auch mein Cousin Oguzhan und ich hatten viel Stress zusammen, obwohl wir vom gleichen Blut sind. Er ist ein Buchser, ich Suhrer. Aber jetzt wollen wir zusammen Aarau an die Spitze bringen.

Warum trefft ihr euch auf Gleis 1?

Oguzhan: So sehen wir, wenn Kollegen nach der Arbeit vorbeikommen, danach gehen wir in die Stadt.

Ihr drei seid die Chefs?

Fatbardh: Es gibt keine Chefs, es gibt keine Gang. Wir sind eine Familie. Wir helfen einander, wenn einer was braucht.

Was ist hier uncool?

Alperen: Die Frauen in Aarau. Die sind fast krimineller als wir. Die prügeln sich. Sie haben sogar Waffen.

Frauen gibt es nicht bei euch?

Alperen: Nein. Wir nehmen keine Frauen mit. Wenn wir zu zehnt unterwegs sind und irgendwo drei hübsche Frauen sehen, stürmt jeder auf die los. Jeder! Ich will sie, ich will sie! Das gibt Streit. Das haben wir gelernt: Frauen gehören nicht zu uns.

Oguzhan, du hast neu eine Lehrstelle. Freust du dich?

Oguzhan: Sicher. Zuerst wollte ich Maurer werden, aber dann ging ich als Maler schnuppern und sah, das wär auch was.

Alperen, du hast die Lehrstelle verloren. Was war es?

Alperen: Im Detailhandel.

Und jetzt?

Alperen: Aarau Business, Strassenman (grinst). Im Ernst: Ich habe Pläne. Wenn man in der Schweiz etwas erreichen will, erreicht man es. Ich will in der Berufsschule bleiben, ich suche wieder eine Lehrstelle.
Fatbardh: Kann ich etwas ergänzen?

Klar.

Fathbardh: Ich arbeite bei der Post. Ich habe zuerst die Realschule gemacht, dann die Sek und schliesslich die Bez. Nur so als Ergänzung.

Am Ende des Interviews sagt Kreshnik, der bisher meist schwieg: «Schreiben Sie jetzt negativ über uns? Ich war drum gerade schnuppern und diese Lehrstelle möchte ich kriegen.»

*dissen: von engl. disrespect, discriminate, discredit; jemanden schlechtmachen

(az Aargauer Zeitung)
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